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Literatur

„Luxemburger Literatur? – Ja, das gibt es!“

Slideshow
 
  • Georges Hausemer, Cornischong CC BY-SA 3.0
  • Batty Weber (photographe inconnu)
  • Concours littéraire 2012
  • Alexandra Fixmer
  • Anton Meyer (photographe inconnu)
  • Jean Portante
  • Jean Sorrente
  • Marc Graas
  • Michel Rodange, photographe inconnu
  • Monique Feltgen
  • Frankfurter buchmesse 2011
  • Pol SAX
  • Edmond de la Fontaine (Dicks), (photographe inconnu)
  • Roger Manderscheid
  • Michel Lentz (photographe inconnu)
  • Welter Nikolaus, dessin A.Trémont
  • Lecture Nora Wagener (Frankfurter Buchmesse 2011)
  • Lecture Tatjana Ditko et Sammy Stauch (Frankfurter Buchmesse 2011)
  • Luc Spada
 
Zusammenfassung

In einem Spannungsfeld von Mehrsprachigkeit, Regionalität, Nationalität und Internationalität bedeutet eine eingehendere Beschäftigung mit der luxemburgischen Literatur zugleich Reiz und Herausforderung. 


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Hinter sieben Bergen?

Über Literatur aus Luxemburg

„Luxemburger Literatur? – Ja, das gibt es!“ Dieses Motto leuchtete in greller Schrift von einer Wand des luxemburgischen Standes auf der Frankfurter Buchmesse 2012. Eine orangefarbene Provokation? Keineswegs, denn das Land liegt in der Mitte des europäischen Kontinents und keineswegs geheimnisvoll verborgen hinter den sieben Bergen.

Aber es ist so klein, dass es nicht einmal im allgemeinen Bewusstsein seiner nächsten Nachbarn existiert und diese es nur selten lohnenswert finden, sich eingehender mit ihm zu beschäftigen. Mit seiner Kultur, seiner Kunst, seiner Musik, seiner Literatur schon gar nicht.

Bei einem Volk von weniger als einer halben Million Muttersprachlern vermutet man weder eine bedeutende literarische Tradition noch eine erwähnenswerte Buchproduktion im 21. Jahrhundert. Doch diese Vorurteile trügen. Die luxemburgische Literatur ist reich an Werken, Themen und Strömungen, von denen die Luxemburger selbst leider allzu wenig Ahnung haben.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die luxemburgische Literatur nicht ausschließlich auf „Lëtzebuergesch“, also in der Sprache des Großherzogtums, präsentiert, sondern in drei, manchmal sogar vier, fünf oder gar noch mehr verschiedenen Sprachen. Neben Luxemburgisch schreiben die einheimischen Autoren zudem in den beiden weiteren Amtssprachen Deutsch und Französisch, wobei in jüngerer Zeit auch noch Englisch, Portugiesisch und Italienisch hinzugekommen sind.

Als das erste literarische Werk gilt in Luxemburg das im Jahr 1290 von dem Benediktinermönch Hermann von Veldenz niedergeschriebene biografische Versepos über die Äbtissin Yolanda aus Vianden.

Das Aufkommen einer luxemburgischen Nationalliteratur wird auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts verlegt. Nachdem 1829 das erste Werk auf „Lëtzebuergesch“ erschienen war – der Gedichtband „E’ Schrek ob de’ Lezeburger Parnassus“ von Anton Meyer (1801-1857) –, entwickelte sich von diesem Fundament aus eine eigenständige luxemburgische Mundartliteratur.

Mit den inzwischen zu Klassikern avancierten Nationaldichtern Michel Lentz (1820-1893), Edmond de la Fontaine (1823-1891), genannt Dicks, und Michel Rodange (1827-1876) gelangte die luxemburgische Literatur zu ihrem ersten Höhepunkt. Trotz des vielfältigen Schaffens von Autoren wie Nikolaus Welter (1871-1951) und Batty Weber (1860-1940) dauerte es bis in die späten 1960er-Jahre, ehe der Patriotismus und die sprachlich häufig antiquierte Erdverbundenheit ihrer Vorgänger in den Werken der jüngeren Schriftstellergeneration in einen kritischen Vaterlandsdiskurs umschlugen.

Besondere Verdienste haben sich in dieser Hinsicht Roger Manderscheid (1933-2010), Josy Braun (1938-2012), Rolph Ketter (1938-2008), Lambert Schlechter (geb. 1941), Jean-Paul Jacobs (geb. 1941), Guy Rewenig (geb. 1947), Jean Portante (geb. 1950) und Nico Helminger (geb. 1953) erworben.

Ab Mitte der 1985 zeichnen Manderscheid und Rewenig zudem für die Geburt des modernen Romans in luxemburgischer Sprache verantwortlich. Etwa zeitgleich setzt eine auffällige Hinwendung zahlreicher Autoren zu gesellschaftlich relevanten Sujets und satirisch-parodistischen Texten ein, eine Tendenz, die in den Werken von Léopold Hoffmann (1915-2008), Josiane Kartheiser (geb. 1950) und Jhemp Hoscheit (geb. 1951) exemplarisch nachvollziehbar ist.

Zu einem regelrechten Boom kommt es in den 1990er-Jahren in dem bislang vernachlässigten Bereich der Kinder- und Jugendliteratur, der einige der erstaunlichsten einheimischen Bestseller hervorbringt. Großen Anklang beim lesenden Publikum findet seit einigen Jahren ebenfalls das Krimi-Genre, das von so unterschiedlichen Schreibpersönlichkeiten wie Monique Feltgen (geb. 1965), Marc Graas (geb. 1963) und Marco Schank (geb. 1954) bedient wird.

Seit der Jahrtausendwende findet die luxemburgische Gegenwartsliteratur auch im Ausland gesteigerte Aufmerksamkeit. Autoren wie Pol Sax (geb. 1960) und Guy Helminger (geb. 1963) haben nicht nur ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland verlegt, sondern dort auch Verleger ihrer Bücher gefunden, die für eine umfassende Verbreitung und neue Leserschichten sorgen.

Größere Bekanntheit ist auch der Poetin Anise Koltz (geb. 1928) und dem Lyriker Jean Krier (geb. 1949) gewiss, seit ihre Werke in Frankreich bzw. in Deutschland mit angesehenen Literaturpreisen geehrt wurden.

Derzeit ist eine neue Generation dabei, sich zu etablieren. Zu ihr zählen u. a. Tullio Forgiarini (geb. 1966), Raoul Biltgen (geb. 1974), Francis Kirps (geb. 1971) und Luc Spada (geb. 1985). Vor allem die beiden Letztgenannten schlagen nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch neue Wege ein und widmen sich modernen literarischen Darstellungsformen wie dem Poetry Slam.

Die Kontinuität aus weiblicher Perspektive ist mit Carla Lucarelli (geb. 1968), Alexandra Fixmer (geb. 1976), Nathalie Ronvaux (geb. 1977), Claudine Muno (geb. 1979) und Nora Wagener (geb. 1990), einigen der meistbeachteten Debütantinnen der letzten Jahre, gesichert.

In einem „Spannungsfeld von Mehrsprachigkeit, Regionalität, Nationalität und Internationalität“, wie Claude D. Conter, der Literaturwissenschaftler und Leiter des „Centre national de littérature“ in Mersch, die derzeitige Situation kürzlich in einem Essay zusammenfasste, bedeutet eine eingehendere Beschäftigung mit der luxemburgischen Literatur demnach zugleich Reiz und Herausforderung. Und eröffnet vielfältige Möglichkeiten zu unerwarteten Entdeckungen.

Georges Hausemer, November 2012

 

Weitere Informationen finden Sie hier online im Autorenlexikon der [luxemburgischen Autorinnen und Autoren]


Autor

Georges Hausemer

21.02.2013



 
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